Die verbotene Halbinsel

Diesmal ging es auf eine legale Tour im Rahmen einer Führung. Wir hatten diesen Ort schon länger auf der Liste. Da es leider nicht sehr einfach ist, dort reinzukommen (Mit Wachdienst und so) und wir mittlerweile aus dem Alter raus sind in einer Nacht und Nebelaktion mit einem Schlauchboot über das Wasser zu kommen, entschieden wir uns die geführte Tour zu machen. Voller Erwartungen kamen wir an. Wir waren insgesamt 20 Personen, die sich an dem Tag angemeldet hatten. Und erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Unsere Tourguides war ein älteres Ehepaar, welches die Insel wohl aus dem „FF“ kannten. Sie recht aufgebrezelt für ihr Alter (wollte wohl noch mal 25 sein 😊) und an der Leine so eine kleine Fußhupe, er recht normal im Auftreten. Dann kam die klare Ansage von ihr, wir bleiben alle zusammen auf den Wegen. Das Betreten der Häuser ist streng verboten aus Sicherheitsgründen. Na, das fing ja schon mal gut an. Also watschelte die gesamte Gruppe los. Die beiden ganz vorne weg, danach das 20köpfige Fußvolk und dahinter der Security in seinem Auto. Somit war einem gleich die Möglichkeit genommen mal aus der Gruppe auszubrechen und vielleicht doch mal in das eine oder andere Haus zu huschen. Trotzdem haben wir in des ca. drei Stunden viele Bilder machen können, auch das eine oder andere von Innen. Die Story dazu werdet Ihr unten den einzelnen Bildern finden. 😊 Leider wollte sich der Security auch kein Taschengeld verdienen um uns mal alleine auf die Anlage zu lassen. Am Ende sagte uns das Ehepaar sie würde uns eine gesonderte Führung anbieten, wo wir in das eine oder andere Haus könnten. Dafür wollten sie dann 50 Euronen von jedem von uns haben. Am Arsch die Waldfee. Nicht so, damit die ihre Rente aufbessern können. Nach der Tour ging es an das Telefon. Wir brauchten ungefähr 2 Wochen bis wir den Eigentümer der Insel endlich dran hatten. Anfrage für eine genehmigte Begehung auch in die Häuser rein auf eigene Gefahr. Wir hatten ein längeres, sehr nettes Telefonat. Auf Grund dessen, dass die Insel immer noch mit über 5% mit „Altlasten“ versehen ist, möchte er nicht das wir da rauf gehen. Sollte etwas passieren, möchte er nicht in den Medien erscheinen. OK, verständlich, aber ein Versuch war es wert. Gibt ja noch viele andere Objekte, die wir auf der Liste haben.

Die Halbinsel wurde 1273 erstmals urkundlich erwähnt. Bis in die 1930er Jahre war hier ein landwirtschaftliches Gut, welches in der Zeit zahlreiche Besitzer hatte. Im Februar 1624 wurde das Gut durch eine schwere Sturmflut fast vollständig zerstört. Die gesamte Halbinsel wurde überschwemmt. Im Jahr 1932 wurde die Halbinsel mit ihren 10 km2 an die Reichswehr verkauft. 1933 begann hier der Aufbau der größten Flakartillerieschule Deutschlands. Die Heeresstandortverwaltung wurde am 1. August 1933 eingerichtet und erst einmal in einer naheliegenden Pension untergebracht. Das Herrenhaus, sowie ein Stall und ein Speichergebäude wurde für die Soldaten umgebaut. Recht schnell waren rund 350 Personen hier untergebracht. Anfang 1934 bekam die Standortverwaltung ihr eigenes Büro auf der Halbinsel. Sie wurde in der ehemaligen Schule untergebracht. Im April 1934 wurden die ersten Kasernengebäude fertig. Es handelte sich hierbei um dreistöckige Gebäude, die alle unterkellert waren. Noch im selben Monat wurde der erste Übungsschuss aus einer 7,5 cm Flak abgefeuert. Die übenden Flakabteilungen wechselten alle vierzehn Tage. Die Flakartillerieschule und der Luftwaffenübungsplatz beeinflussten das Leben im Umfeld der Halbinsel entscheidend. Im vorderen Teil der Halbinsel wurde eine Wohnsiedlung und der Militärbautenkomplex mit Flugplatz und Sportanlagen errichtet. Soldaten aus allen Teilen Deutschlands wurden in mehrwöchigen Lehrgängen an den Flak-Geschützen ausgebildet. Im Laufe des Krieges wurden die Anlagen immer wieder erweitert und ausgebaut. Zum Ende des Zweiten Weltkrieges diente die Halbinsel als Zwischenstation für Einheiten, die zur Verteidigung der Stadt nach Berlin geflogen wurden. Auf der Flucht vor der vorrückenden Roten Armee verließen viele Bewohner und Soldaten die Halbinsel. Am 2. Mai 1945 wurde die Halbinsel von dem Stadtkommandanten kampflos an die sowjetischen Streitkräfte übergeben. Nachdem 1945 eine Bodenreform durchgeführt und Neubauern angesiedelt worden waren, wurde die Halbinsel Wustrow 1949 zur sowjetischen Garnison bestimmt. Die sowjetische Militärführung forderte alle noch verbliebenen deutschen Zivilisten zur Räumung der Halbinsel auf. Die Rote Armee übernahm die Halbinsel und schottete sie von der Außenwelt ab.

Über die sowjetische Besatzungszeit ist nur weniges überliefert. Es wird geschätzt, dass auf Wustrow bis zu 3000 Soldaten und deren Familienangehörige stationiert waren. Gesichert ist, dass wieder ein Schieß- und Ausbildungsplatz errichtet wurde, die Einheiten wurden durch Marine- und Nachrichtentruppen ergänzt. Nach dem Ende des Krieges hatten Soldaten der Roten Armee einen Teil der Kasernenanlagen gesprengt. Dort wurden für die Mannschaften einfache Baracken aus Stein errichtet, die an einer Stirnseite Toiletten- und Waschräume hatten. Zwei abgetrennte Räume dienten als Waffenkammer. Neben den Schlafbaracken wurden diverse Gebäude zur Versorgung der Truppe, wie Küchen, Bäckerei, Speisesaal, Kartoffelbunker und ein Fleischlager, gebaut. Für die Selbstversorgung mit Schweinefleisch wurden etliche Schweineställe unterhalten. Diese Schweine liefen auch außerhalb der Ställe frei herum und verließen auch teilweise die Umzäunung. Sie paarten sich mit den dort lebenden Wildschweinen. Die daraus resultierenden gescheckten Schweine waren noch viele Jahre auf der Halbinsel präsent. Das ehemalige Postgebäude wurde um einen großen Saal erweitert und dann als Kino genutzt. Hier wurden hauptsächlich an Sonntagen Filme vorgeführt. Ein Kindergarten und eine Schule für die jüngeren Kinder komplettierten die Anlage. Für die Einheimischen war die Halbinsel eine verbotene Zone. Eine quer über die Straße verlaufende Mauer trennte die Halbinsel und das davor liegende Dorf. Die Mauer war mit Stacheldraht bewehrt, der an beiden Seiten bis weit in die Ostsee und das Salzhaff reichte. Auch innerhalb des Militärgeländes gab es etliche abgegrenzte Areale, die nur von Berechtigten mit entsprechendem Passierschein betreten werden durften. Die Bäckerei war beispielsweise mit einer Mauer umgeben und wurde von zwei Posten bewacht. Die sowjetische Armee übte – ebenso wie vorher die Reichswehr – das Schießen auf bewegliche Luftziele. Zu diesem Zweck wurden große Luftsäcke von Flugzeugen über den Horizont gezogen.  Neben den fest installierten Flakgeschützen wurde auch der Kampf mit Flakpanzern, die mit Vierlingsrohren ausgestattet waren, geübt. Die Flakpanzer schossen auf Boden-, See- und Luftziele. Die Seeziele wurden mit einem Schiff auf die Ostsee hinausgeschleppt. Bei solchen Übungen war die See bis zu 15 Kilometer für jeglichen Verkehr gesperrt. Für die Panzer war auf der Haffseite eine Fahrschulstrecke eingerichtet und für die Ausbildung der Infanteriesoldaten wurde ein Übungsgelände angelegt. Die Einheiten der Küstenartillerie waren bis zum Anfang der 1950er Jahre stationiert. Danach wurden die Geschütze durch Raketen ersetzt, an denen die Soldaten ausgebildet wurden. Eine parallel zur Ostsee verlaufende gepflasterte Straße führte hinter den Mannschaftsunterkünften zu den großen Radaranlagen und den dazugehörenden technischen Bereichen und Fahrzeughallen. Nahebei befanden sich eingezäunte Startrampen für Boden-Luft-Raketen. Auf dem ehemaligen Flughafengelände der Wehrmacht wurde um 1950 ein Turm gebaut, der Tower genannt wurde. Er diente aber nicht der Überwachung des Flugbetriebes, sondern als Feuerleitzentrale für die eigene Flakartillerie. Um mögliche Gegner über die Funktion des ehemaligen Flughafens zu täuschen, wurden über 20 Flugzeugattrappen aufgestellt.

Nach dem Zerfall des Ostblocks um 1989 wurde auch die Abschottung von der Bevölkerung gelockert und es wurden vermehrt Kontakte zur Bevölkerung gepflegt. Eine letzte große Schießübung wurde im gesamten September 1992 abgehalten; danach wurde der Ausbildungsbetrieb eingestellt. Die letzten Soldaten wurden im Oktober 1993 offiziell verabschiedet, der ehemalige Standort war im Mai 1994 endgültig geräumt.

Nach dem Abzug der Sowjetarmee hofften viele ehemalige Bewohner der Häuser auf der Halbinsel  auf eine Möglichkeit zur Rückkehr. Die Halbinsel wurde gemäß den Vereinbarungen im Einigungsvertrag zwischen der BRD und der DDR Grundvermögen des Bundes. Verhandlungen wegen der immensen Umweltschäden auf der Halbinsel wurden am 16. Dezember 1992 zwischen Boris Jelzin und Helmut Kohl in Moskau geführt, die zu einer sogenannten Null-Lösung führten: Eventuelle Schäden wurden nicht gegen Sachwerte aufgerechnet. Die Bundesrepublik übernahm das Risiko der Altlasten und Schädigungen.

Nach Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Bund und der Stadt wurde die gesamte Halbinsel schließlich im Februar 1998 an einen großen Investor verkauft. Dieser plante, eine Marina, einen Golfplatz und Reiterhof, ein Hotel mit 150 Betten und Ferien- und Eigentumswohnungen mit einer Gesamtkapazität von 2000 Personen zu errichten. Die Stadt vor der Halbinsel, die das Vorhaben genehmigen muss, sprach sich dagegen aus, und verwies auf die entstehende hohe Verkehrsbelastung im Ort. Sie untersagte dem Eigner die Benutzung der Zufahrt zur Halbinsel. Im Gegenzug sperrte der Investor am 2. September 2004 den Zugang und verbot die bis dahin stattgefundenen Führungen über die Halbinsel. Seit Juni 2018 erlaubt der Investor wieder Planwagenfahrten und Führungen.

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